Standbild in Rudolstadt

smoker

Der Himmel eine unauffindbare Behauptung.

Wir lernen nicht aus unseren Fehlern, dafür sorgen die Ertrunkenen. Abgeblättert oder nicht, ständig schwimmen sie ins Zimmer zurück, um die Tanten zu erschrecken, die sich hinter die Butzenscheiben im Erker verkrümelt haben, wo sie ihre Nachmittage mit ungepflegten Gesprächen verdienen, Zucker auf Menthol lutschen und behaupten, ihre Nichte Annegret sei blond, wo sie doch vor allem höflich ist und bemüht, ihre mangelnde Vorliebe für Genrefilme nicht allzu schmallippig ausfallen zu lassen. Bootsbesichtigungen, Karnevalsgilden, Dilemmata, niemand kennt vorher den schlechten Geschmack, der ihn am Ende forttreiben wird, oder ist in der unglücklichen Lage vorauszusehen, wessen Nächster er zu sein begehrte, würde er ihn denn jemals zu Gesicht bekommen. Wenn man es recht bedenkt, sind es auch nicht die Blicke oder gar Umarmungen, die hier zum Beweis führen, sondern die fernen Himmel mit ihrem störrischen Farbengemisch, die gewisse Ahnungen verbreiten, Römerbriefe über die Flickschusterei der Liebe, physischer Ramsch ohne Rahmen oder Fugen, aber in hellen Gitterbetten und bitte strikt im Geiste einer Petersburger Exekution oder einer Tafelrunde ohne Artussage, der ihre selbstgeschnitzten Amulette die einfachsten Dinge versagen. Wir wissen es nicht, können es nicht wissen, die alten Schutzfarben sind überfällig, die neuen falsch im Zuschnitt, sie fliegen ständig auf, und wir haben nichts davon außer den Fuß in der Tür und die Hemden im Abfall zurück. Die Worte vollzählig und an die Ränder verblättert, das Leichenhemd im Schritt gut angewachsen (man hat sein vorderes Ende immer griffbereit), geliehene Pfandbriefe stapeln sich im Zwischenhoch, da kann man uns nicht überbieten. Wir malen auch nicht mehr die Dinge selbst, sondern nur die Entfernung, die ihre ungewisse Lage überbrückt, das ist unser Rabatt für die erlittene Versuchung. Einsam jagt der Pudel durch die österlichen Auen, bevor des Pudels Kern erscheint. Die Wolken stapeln Abziehbilder nasser Tage, dank Efeu-Tee und Milchbrötchen merkt man uns den frivolen Farbtupfer aber nicht an. Der Quellennachweis ist Monument genug, ein flottes Jäckchen in Schwarzweiß, die silbrige Schaumkrone das Elysium der Fische. Aus dem Herd riecht es nach Auferstehung, der Abend trumpft mit leichter Muse, auf gute Gedanken kommt hier niemand mehr. Ob wir den Rest einfach behalten?

Die gemalten Vokale auf den Büchern begreifen unser Unglück nicht

Ralph and SarahWas aber sollen wir bewältigen oder vergessen, wenn der Tag sich aus den Sprechblasen zurückzieht und uns nur noch der Einsatz unseres Körpers bleibt, um dem Dickicht der Wiederholungen und Narben zu entkommen, der Amnestie leerer Begriffe, mit der das Glück der Anderen uns ein dünnes Licht aufsetzt. Auf deiner Lichtung trittst du (trete ich) allein als kleiner weißer Drache auf, der auch nicht mehr den Willen hat, die Wahrheit zu verschweigen, stellst dir (stellst mir) die Feinde vor aus fremden Märchen oder Pferde, die du greifen willst, doch sie schwimmen weiter ihre elegante Schneise ohne dich zu sehen. Darüber vergehen Wüsten und Wälder ohne jedes Zeitmaß, tiefer ins Archiv dringst du nicht vor. Und wenn du aufwachst spät am Morgen, die Wange noch gedrückt ans warme Netz der Nacht, liegt da auch schon dieser Schleier auf den Augen wie die Haut heiß aufgekochter Milch und vor dem Küchenfenster schwimmt in jeder Pfütze wieder eine glitzernde Sonne für sich ganz allein.

Melodie des Weniger

Kurschatten, Hagelschauer, Ungeheuer
der glatten Oberflächen—
du kennst ihre Namen,
weißt, sie finden den Weg,
schlagen am Himmel einen Bogen
um das schwarze Lächeln der Dienstmädchen.
Die nicht auf der Spiegelung
einer Oase rasten,
Psalmen stampfen aus dem nassen Heu,
schneiden weiter schwarzes Glas
bis ans Ende ihrer Tage.
Schon sind sie durch wie
der weiße Wein dieser Nacht,
die Briefe mit ihrem Pfand,
den unbestatteten Sätzen.
Die Fallen sind ausgelegt,
doch niemand springt,
keiner rückt vor auf die
bewohnbare Erde.
Die Beerensucher und
Träumer besinnen sich
und legen sich zu den
Täuflingen in den Schnee,
ein leichtfertiger Versuch zwischen
Sündenfall und Silberknöpfen.
Wen kümmern die zurück-
gebliebenen Waisen der Liebe
auf dem Scherbenhügel?
Ihre Wartezeit geht
jetzt zu Ende.

Rudy Burckhardt Brooklyn 1954

Sonne und Meer nur Chiffren.

Noah

verrät was keiner mehr wissen will:
die Erschöpfung der Welt
als Anfang vom Ende der Riesen,
Beweise aus Kunstschnee
tief in die fliehenden Himmel gedrückt,
die gezählten Tage im Rückspiegel,
den Zungenhieb der Schlange
ins offene Gesicht.
Die IKEA-Arche steht bereit,
die Ohren lauschen hin zu den
Grenzen des fremden Paradieses.
Schon kann der Mund
die ersten Tropfen schmecken.

Lost

Denn das ist nicht viel zu weit.

Postskriptum

Sonntag in Altenburg
und das ermüdete Gras in der Einfahrt,
Kiefern im Wolkenschnitt,
eine einfache Holzbank vor
geborstenen Steinplatten,
wer es kennt—
Dinge, die ich nicht meine.
Ich meinte dies,
es fehle an Begegnungen,
Sparkommissaren, Brotvariationen,
lateinischer Heiterkeit. Und
es müsste sich malen lassen:
Herbst im märkischen Streusand,
Salz das misslingt,
die verborgenen Fähigkeiten von Haustieren,
Missionen für Bogenlampen,
aber ich erinnere mich nicht mehr.

Lady in lace

Zeit für das zweite Gesicht.

Aubade

Die Zeit schneidernd,
ihr unbeirrtes Steigen und Fallen,
flüstern sich zwei
die Augen wund,
treiben in meerigen Laken,
geben sich Namen Geschiedener.
Hüllen im Endlichen,
reimt sich in jeder
ein anderer Wunsch,
eine andere Levade, zur Sonne.
Meine Finger in deinem Haar
verfangen bunte Falter
in den Kelchen des Lichts,
im Flügelschlag der Minuten
auf die silbrige Netzhaut gezimmert,
du öffnest, einen Lidstrich später,
deinen Augenstrand
und wir gehen unter der See
atmend landeinwärts.

Karo in Bar

Umriß genug, um genehmigt zu werden.

Waschzettelgedicht

Im Konservatorium der Dinge.
Wir werfen Märchen an
auf schizophrenem Grund,
belächelt von Maschinen,
die auf Eis dieselbe Schwere haben
wie mein Blut.
In Senfkörnern zuhause,
die Trümmer toter Sonnen
links und rechts.
Verfrüht die Hoffnung auf
Empörung und Arenen,
die Straßenzüge riechen
nach Reform und Flugbenzin,
und fremde Trauer lehnt
an allen Gräbern,
davor die treue Requisite Liebe,
eintausend Mal ins falsche
Poesiealbum kopiert,
die Augen weit wie Laub,
verschämte Kunstblumen
unterm gestreckten Arm.

Bathers

Im Aufwachraum der Liebe.