Denkversuch mit Rettungskälbchen

Unglück mit Gewittern.
Die Masten ziehen ab über das Land
mit fremden Stimmen,
dem Chor der Wolken hinterher.
Der Honig rauscht in den Waben,
versetzt mit Himbeerzeichen
und Bienen aus dem Supermarkt.
Man sieht kurz hin und es ist Expressionismus,
der Schlaf von Jahren,
versammelt in unserem Auge.
Jalousien legen Rotlicht drüber.

Schlaf ist eine Ader,
die durchs Land zieht, Seufzer ringsum
zeigen den Fleiß der Träumer an.
Du beneidest ihren Seidenglanz und fällst zurück
hinter das Fliegengitter.

Hier hab ich was.
Auf einen Küstenstrich mal ich uns
einen scharfen Knick für unsere Lebensmitte,
werfe mich mit meinem Schatten
aufs winzige Leben, auf Straßen, die sich ducken
unterm Strom der Augenpaare.

Dieser Augenblick knüpft unser Netz.
Er erdet mich an deiner Haut, leichter als fremd,
gibt mich, geduckt, ein Bündel Erden, salzig,
fort über Brücken in der Länder Mohn.

bathtub girl

Schönheit ist kein Vorwort.

Waschzettelgedicht

Im Konservatorium der Dinge.
Wir werfen Märchen an
auf schizophrenem Grund,
belächelt von Maschinen,
die auf Eis dieselbe Schwere haben
wie mein Blut.
In Senfkörnern zuhause,
die Trümmer toter Sonnen
links und rechts.
Verfrüht die Hoffnung auf
Empörung und Arenen,
die Straßenzüge riechen
nach Reform und Flugbenzin,
und fremde Trauer lehnt
an allen Gräbern,
davor die treue Requisite Liebe,
eintausend Mal ins falsche
Poesiealbum kopiert,
die Augen weit wie Laub,
verschämte Kunstblumen
unterm gestreckten Arm.

Bathers

Im Aufwachraum der Liebe.

Aus Lust am Herumballern

eaten

Da passt kein Satz dazwischen.

Es ist bedauerlich, dass noch nie jemand daran gedacht hat, die Geschichte des Liftfilms zu erzählen. Es gibt ja schon so vieles. Den Vogelsang in der Uckermark zum Beispiel, den noch keiner gehört hat, weil die Züge dort zwar halten, aufgrund des Personalmangels an den Bahnhöfen die Türen aber geschlossen bleiben müssen. Vorträge zu den Themen Ehebruch und Macht, Männlichkeit bei Walser, und weshalb das Reformationsfest nichts mit dem letzten Abendmahl der Revolution zu tun hat oder warum Peter Huchel nie in Staufen war. Eine Verteidigung der Schweizer Landschaft, die nicht einmal für Schweizer interessant sein dürfte. Jetzt also der Liftfilm, bestimmt kein einfaches Genre. Passion total, im Mittelpunkt das ballistische Miteinander von Liebe und Fall, Primatenwahn hinter verklemmten Türen, und dazu die seidene Grazie angstkontaminierter Blondininnen, die sich, vom Spitzenschuh befreit, ihre mystische Furcht vor der Tiefe im Steilflug abtrainieren. Und alles gipfelnd in der perfektionierten Kunst, auf engstem Raum dem Anderen mit Interesse zuhören zu müssen; endlich einmal abgelenkt zu sein von dem Problem, im Herzen der Langeweile vibrierende Spannung zu erzeugen oder schon wieder zu viel Tinte getrunken zu haben. Was gibt es da zu beschönigen? Wer spiegeln will, muss blank sein. Für so was gibt es Vorbilder. In Amerika kann man zum Beispiel das Urheberrecht für Foltermethoden beantragen, das Opfer erwirbt dabei im Gegenzug das exklusive Recht zum einmaligen Erlebnis der Quältechnologie. Das ist ein gerechter Deal und soll hier auch so festgehalten werden: Der einsame Bewährungshelfer, gekrümmt auf einem Gebärstuhl in luftigen Höhen hängend, dazu herrlich skulptierte Frauenkörper, Crew Cut, Bisse, viel Tattoo und Piercing, grimmig und mit dunkel eingefasstem Bildrand. Ist der Schmerz am Ende vielleicht doch gar kein unveräußerlicher Besitz? Keine Ahnung, doch die letzte Erinnerung an ihn lässt uns vorzüglich schlafen, Pillen, Zäpfchen und heilige Reliquien ersetzen bis auf weiteres die Realismuserwartung. Zum Nachmittagskaffee werden dann schmackhafte Cupcakes gereicht, Orange und Schoko, die der Ehemann der Regisseurin am Vortag gebacken hat. Das Operationsbesteck liegt auch schon bereit, für ein anderes Werk voll kerniger Parolen und steiler Kamerafahrten in die Tiefe des darunterliegenden Raums. Wir setzen fürs erste alles auf ein langfristiges Überleben der Schwerkraft. Mangas können die Krise in der Kunst jedenfalls nicht mehr plausibel erklären.

 

 

Tarnung des Augenblicks

Tag, der durch die Lider stürzt,
Glanz, der erdwärts sinkt
ohne Eigenschaften,
als legte jemand seine Kleider
ins Feuer, bereit zum Sprung,
die Ungeduld zu verlieren.
Niemand dreht sich nach ihm um.
Zeitungen blättern den Tag auf.
Wir liegen im feuchten Laub und
sprechen Konsonanten ins Blau,
geben dem Elend medizinische Namen.
Die Ewigkeit lässt auf sich warten
wie Zitate in korrektem Latein,
die Nelke zittert im Knopfloch,
wenn wir nicht hinsehen.
Das gefälschte Glück zieht uns
Schleier vor die Augen.
Du bist gar nicht hier.

Godard6

Ananas für alle.

Gegenwert der Flaschenpost

Irrennäpfe, vergammelte Tiefen.
Paul Celan

Bald kommen die Tage,
da steht Gebet gegen Gebet,
da schmettern die Psalmen dir
hart durch die Augen,
und gehämmerte Irrtümer,
nach Gegenhimmeln gestaffelt,
graben im Bruch, vor
Flugschneise und Lichtung.
Zeit, die weißen Tücher einzuholen,
die Minarette anzuwerfen
auf schlepperreichem Grund:
Wir sehen Menschen wie Kinder,
medinische Trümpfe im Beiboot,
Nagelmonde, Kleinkönige,
und surenhufig. Ihr sterniges
Eden löst sich vom Strand,
ein Gebirge, im Sandbett
die verscharrte Klagemauer,
Kiesel und weißer Komet,
mit Blendungen geheizt,
oder brandrotes Meer.
Auch dies verschleiert.
Nur wir sind noch dieselben.

pyramids2

Die Horizonte abgehofft.

Südlich des Wetterleuchtens

Kein Wort verloren,
keine Vokalprobe in Bodennähe,
über das Zwiebelprinzip
der Hagelentstehung,
die Kernchemie der Luftwurzeln,
Jagdlisten und Fahrtenbücher
der Matronen aus Venedig.
Auf den Fresken altern die Wunder.
Schon ballt sich der Monsun
den Zollstationen zu,
treiben die Wolken listig auf.
Niemand ist in Nepal sicher.
Sieh, die Geschichte frisst
die Länder von den Karten,
Notenschrift und Marschmusik
verstummen, und unsere Scham,
ein Torso, teilt uns wie ein Buch.
Kopfstehen im Wort Genug.
Wir sehen hin, sehen es nicht.

Pyramids1

Zeit, die weißen Tücher einzuholen.