Rhapsodie mit Säugetier oder irgendwas mit Darwin

pyramid

Kurschatten für Trauergäste

Die Zweifel der Schmetterlinge, wer wollte sie hören? Sie formten bestimmt einen Brecher, würfen sich nackt auf unseren Augenstrand, Kieselspalter, Schmetterlippen, und wir trieben daneben, entblößt bis auf den Leim, kieloben die entwinkelten Hirne. Wir Gespenster. Ziehen uns Jeans und Bärte über und plaudern harmlos über Serien, lassen uns Depressionen tätowieren, vertilgt vom chronovoren Einst. Gott schenkte Abraham einen eigenen Buchstaben, was aber wird aus uns? Wir geben Augen für Hände aus, Schia- für ha’Shoah-Grusel aus der Überwüste, wo wild wallende Afghanen auf medinischen Gäulen ihre langen Gebetsmäntel über der Hodenfuge tragen, die kahlen Schädel abgemessert werden im Obdachlosentakt. Als wär ich aus Gewitterluft, so spürte ich den Einschlag. Hinter grellen Bildern die gesteckten Wiesen aus Bordüren und Geheimkommandos, nachtlang, todfremd. Du zeigst verzückst darauf und rufst: mein innerer Stamm, mein bunter Garten. Verwundert blick ich hin (Du bist mein Pfad, durch dich komm ich herüber): es sind nur Blumenrabatte. Damals-Ekstasen, episodische Insekten, Anfänge, gelangweilt wie Elbtunnel, gesät mit unachtsamem Blick. Schatten patrouillieren die engen Gassen, der Wind schreibt Wolkenfatwas auf die Mauern, faustdick. Du liegst nackt am Großen Bären und entzifferst den Barcode der Nacht, zupfst, einen milden Augenvokal lang, die schwere Braue des Alls, das verbissen schweigt hinter bewegter Asche. Feenhaariger Konsorte, sag’ mir das Leben auf in feinem weißen Deutsch. Sag mir die echten Worte für: Orgonfrucht, Asphaltschnecken, Seufzerlabyrinthe, Oberleitung, jeder oder nie, und Output aller Welten Narren.

Zurück auf den Gedankenstrich

girl with cig

Knows her shit.

Man macht sich mitten am Tage auf den Weg in Erwartung einer Verwechslung und landet Stunden später verkatert in den Armen einer luftdicht verpackten blauen DIY-Impression aus Pembroke in Livree und Wolgadeutsch: zurück in der alten falschen Sprache, die einen längst auswendig kennt und unverdrossen immer wieder aufsagt. Der Tag, noch unerträglich leicht, hat sein streunendes erstes Licht nach einem Krug Kaffee gleich wieder vergessen. Das gelesene Papier vom Vorabend riecht nach Komplott und blutversetzter Erde: the more you chew, the more you puke. Schilder aus Zeichen, Steigeisen, wortunförmige Schamverstecke. Am Angebotsende der Wirklichkeit pflücken Sonntagskinder mit Spinnenbeinchen schwerterhafte Lilien aus dem Text. Sie sind aus Ansbach, wie der liebe Gott, kennen Korkeichen und Sandflohsorten, hüten zwei gebrochene Herzen in einem, und mit nichts mehr kann man ihnen richtig kommen. Ihr kleines Auto fahren sie wie eine Jagderzählung in einem Marmorbecken, once upon a time, in ancient Rome. Schwerin ist ihnen aufgegeben, doch sie möchten es lieber abwarten. Der Kaffee macht ihnen mit Steinwürfen die Köpfe schwer. Sie führen ein Beschwerdeblatt, das keiner liest, tragen weinend ihre Fragen um die Sonne, spinnen emsig Penner zu Trouvaillen, Fürstensänfte zu Verliesen: Ihr Leben ist eine Stehbar, ein verschneiter Hundefriedhof, Strahlenwerfer guter Minne, und sie lesen, korrigieren, redigieren, weil am Ende aller EXCEL-Spalten Abende aus rosa Perlen warten, Ranunkeln und erdolchte Schwalben, Seefrühstück auf Schifferplanken, Luftgitarren und ein irrer Kinderwitz mit heißer Schokolade. Der Tag ertränkt ihr Grübeln in verstreutem Badezusatz, umgekehrten Stunden, füttert mit Rotwein sein Gedächtnis für verträumte Nachtwiesen. Auf- und preisgegeben, wie Napoleon vor den eintägigen Toren Moskaus. Wie nur den orthodoxen Klang, die Sonne als vermisstes Blatt, fortwischen von den verabschiedeten Lippen? There flies a sudden unexpected kiss, dem schüchternen Kind zu, das zur kreisenden Stunde mit vertrockneten Schreien spielt.

Melodie des Weniger

Nicht nur Namen.
Zuerst war Bewegtheit,
waren Schatten,
die Revuen der Tollwut
als schöne Ewigkeiten.
Dann war lange nichts,
die Taufe mancher Dinge,
Oblast aus Messwein
und Krawallen,
Essiggurken und Libellen.
Kunstwerke zeigten stolz
ihre Entstellungen,
Ödland und Mohn,
griechische Gegensicht mit
Mozarts Bogenstrich,
Schmerz, als kleingesüßte Kiesel
tollkühn im Zungenrund erweicht.
Hier wollte ich leben
mit Lilli Bernauer,
doch sie kam zu spät zum Tee
und hinterließ nur ihre Federdecke,
Puderzucker und den Duft
von linden Kirschen.
Jetzt gibt es Ananas für alle.

boys with cig

Kinderkreuzzug

Es wollte einfach nicht verblüffen, was man in den langen Nächten sah, Schauermaskeraden, Versuche mit Radierung, die verkünstelten Abgänge ins Präteritum. Schlachthäuser geschmückt mit Geranien, geduldiges Ohnmachtstraining (A. Cotten) vor dem in Blutatollen erstarrten Fernsehbildschirm, wo die Toten Liebenden gleich in den Armen ihrer Kameraden hingen und es ihnen nicht einfacher machten. Jakob im Kampf mit dem tanzenden Engel in Steigbügeln, in vollem Harnisch, aber ohne Auftrag. Kinder tranken Spülicht aus den Rohren und rochen nach schlechtem Essen, schlechten Eltern, schlechter Religion, betraten ihre tägliche Niederlage wieder und wieder wie ein zum Schlafengehen vorbereitetes Gästezimmer. Der Blick ging ihnen trotzig nach unten, in die Zuflucht weißer Hände: zwei Kontinente, versunken wie ein Clown, bevor er geschminkt wird. Wie es einen lockte, einmal auszuholen und die ewigen Grabsteine zu bekratzen.

Standbild mit Origamitrick

writingIm Freien lösen die Gegensätze sich meist auf in Bewegung, sind nur Umrisse am Rande eines Augenblicks, den man arglos bereist, und das schwach gemurmelte Empfindungswort der Natur kommt darin nicht vor. Keine scharfen Ränder, aus denen sich ein passender Name schneiden ließe. In diesem Raum entfällt man sich leicht, eine Plastik der Verzweiflung, breit und leer im Disneyland der Abgestorbenheit, zerreißt sich an den Scherben den Leib, und von der Seite spenden Neonröhrenmoleküle ein bisschen ewiges Licht. Es gibt dann nur noch einen selbst und die Sprengköpfe und diesen anderen Menschen, dessen Körper unerwartet neben der eigenen Haut beginnt, ein Häufchen oder Energiefeld, in viele samtene Fetzen zerrissen, dasselbe Gesicht ein geschätzter Fels, darüber die entriegelte Stirn. Hände reichten hier nicht aus für eine Berührung. Die Lampen zerschellen am Boden, ohne ihr Leuchten zu verlieren, aber irgendjemand wirft dem Pianisten vor der Tür immerzu harte Kiesel auf die Finger, was eine Farce ist, denn das Begehren erhält keine zweite Chance. Gäbe es uns nicht mehr, es gäbe die Verhältnisse, und sie würden uns neu erfinden, traurige Figuren in Gewändern, dem Ende des Jubels aufgesetzte Lichter. Telefonate, die nicht heilen. Wir gingen als Besiegte zu den Ärzten.

Evolution

Weil man als Intellektueller in der deutschen Provinz nicht leben kann, weil man dort vegetieren muss, hatten die meisten Freunde sich irgendwann entschlossen, Professoren zu werden. Als Vertreter dieses Zweigs (manche nannten es zynisch einen „Beruf“) waren sie in der Provinz geschützt wie in einem Zoo: Sie hatte dort keine natürlichen Feinde. Ihr Leben spielte sich ab unter den Schutzbedingungen einer Institution: Alle sahen hin, manche sahen weg und gingen irritiert weiter. Über den Gartenzaun hinweg unterhielt man sich mit anderen Leidensgenossen, oder man schwieg gemeinsam mit ihnen, obwohl man keine Ahnung hatte, ob man über dasselbe schwieg. Letztlich spielte jeder Beteiligte sein privates Leben geduldig zu Ende mit dem Ennui eines professionellen Tragikers, der sich eine Hölle hielt, um seiner Langeweile Herr zu werden. Nur wenige Intellektuelle („die Juden der Postdemokratie“, nannte einer sie gar vorlaut in Anlehnung an Herrmann Bahr, der einmal schrieb: „Sagt jemand in Gesellschaft etwas Intelligentes, denken alle gleich, er sei Jude“) hatten sich einen verbissen aufmerksameren Blick für die Dinge erhalten: Als Volk von Einzelnen standen mit einer Leidenschaft füreinander ein, die einen an freiwilligen Kriegsdienst erinnerte.