Tarnung des Augenblicks

Tag, der durch die Lider stürzt,
Glanz, der erdwärts sinkt
ohne Eigenschaften,
als legte jemand seine Kleider
ins Feuer, bereit zum Sprung,
die Ungeduld zu verlieren.
Niemand dreht sich nach ihm um.
Zeitungen blättern den Tag auf.
Wir liegen im feuchten Laub und
sprechen Konsonanten ins Blau,
geben dem Elend medizinische Namen.
Die Ewigkeit lässt auf sich warten
wie Zitate in korrektem Latein,
die Nelke zittert im Knopfloch,
wenn wir nicht hinsehen.
Das gefälschte Glück zieht uns
Schleier vor die Augen.
Du bist gar nicht hier.

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Ananas für alle.

Gegenwert der Flaschenpost

Irrennäpfe, vergammelte Tiefen.
Paul Celan

Bald kommen die Tage,
da steht Gebet gegen Gebet,
da schmettern die Psalmen dir
hart durch die Augen,
und gehämmerte Irrtümer,
nach Gegenhimmeln gestaffelt,
graben im Bruch, vor
Flugschneise und Lichtung.
Zeit, die weißen Tücher einzuholen,
die Minarette anzuwerfen
auf schlepperreichem Grund:
Wir sehen Menschen wie Kinder,
medinische Trümpfe im Beiboot,
Nagelmonde, Kleinkönige,
und surenhufig. Ihr sterniges
Eden löst sich vom Strand,
ein Gebirge, im Sandbett
die verscharrte Klagemauer,
Kiesel und weißer Komet,
mit Blendungen geheizt,
oder brandrotes Meer.
Auch dies verschleiert.
Nur wir sind noch dieselben.

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Die Horizonte abgehofft.

Südlich des Wetterleuchtens

Kein Wort verloren,
keine Vokalprobe in Bodennähe,
über das Zwiebelprinzip
der Hagelentstehung,
die Kernchemie der Luftwurzeln,
Jagdlisten und Fahrtenbücher
der Matronen aus Venedig.
Auf den Fresken altern die Wunder.
Schon ballt sich der Monsun
den Zollstationen zu,
treiben die Wolken listig auf.
Niemand ist in Nepal sicher.
Sieh, die Geschichte frisst
die Länder von den Karten,
Notenschrift und Marschmusik
verstummen, und unsere Scham,
ein Torso, teilt uns wie ein Buch.
Kopfstehen im Wort Genug.
Wir sehen hin, sehen es nicht.

Pyramids1

Zeit, die weißen Tücher einzuholen.

Die Koliken von Narnia

Arabia Lawrence

Stellt sich gern quer zum Sinai.

Für kurze Schlüsse ist es schon zu zweit, und es gibt jetzt keinen Nahen Osten mehr, der das hier alles buchstabieren könnte. Die Richtung der Gebete ändert sich im Karawanentakt, Psalm messert Salāt, Liebe verstößt Liebe. (Den Halbmond – noch schaukelt er mit seinen Nächten unterm tierkundigen Himmel – ließen die Diebe im Fenster zurück.) Die Kinder der Ziegenmenschen brachten Fingeropfer, in Festmetern verlesene Masora, mit Ehrenrunden für Kalifen, Haarvergoldung und Moscheereport, auch nach ruhenden Bällen. Zum Abend folgte irgendetwas mit Beton und Hass, Wadi-Tour und Franken-Kismet: das gab erst die richtig starken Bilder. Alter Mann und Alter Ego konnten da nur die Marke wechseln und einen grimmen Blick zurückwerfen auf die Wanderdünen der Ereignisse, auf Ditib-Katarakte, Döner-Pleistozän, störrische Sultanköpfe und Kamellen am Fuß des Ölbergs Erdogan. Unterm bemalten Gülenmond vertreiben sie die langen Abende mit Suizid und Balearen-Rock, nippeln Bahamas aus Zahnfugen und Lipgloss, und nur das erfundene Rauschen der Gewitter über Lesbos färbt ihre Gesprächspausen heiter. Sie weinen leise, aber lass sie. Es sind doch nur medinische Heiden, an ihren Stränden herrscht längst Clubmoral, Gleitsicht vor Nachsicht für alle über fünfzig, und die Entartung der Ungeheuer ist täglich für zwei Martinis ausgesetzt. Kein Türke mehr im Türkismeer, die Wellen schön geschlichtet zu Rüschen und Galenen. Miesmuscheln liegen tagsüber laubstumm am Erholungsufer wie Telleraugenringe. Auf Bojen hockend, schleudern Minarette markige Vokabellassos über österliches Fleckvieh, und Iblis zieht verächtlich seinen warmen Kolben durchs Revier. Steigerungsstufe: Gnom. Späte Schalte zu den Tagesthermen, die Strömung ist halal, russische Dissidenten wagen ein paar Surfer-Suren in talmudischen Talmulden, der Söldner-Muezzin überspielt synchrone Seligkeit für alle, die mit Karte trumpfen. Vor Langeweile ausgebeult, denke ich klar, hier ist’s versöhnt, rein in der Vision, Helden am Kreuz mit Schmutz unter den Fingern, und so darf’s sein. Spielen am Abgrund, wenn die Routinen nicht mehr gehen. Das ist mehr als Boulevard, das ist fast schon Promenade. Wenn Blut träumt, dann ist es eben Wasser.

Freizeichen

Juliet Berto

Der helle Mond nur eine Fangfrage.

Noch nie hat jemand eine Landkarte von mir aufgeklappt. Die leeren Städte und versunkenen Titel, die man mit der Nasenspitze suchte, Vorstadtkinos, Hundeasyle, London ohne Nebel, ein Zirkuszelt aus Flugschatten und Schlaf, wo eine ewig schief gehende Sonne ihre eigenen Schatten wärmte. Lakonien, so der Name der Provinz und all der Dinge, die darin vorkämen, eine Welt, in der ich und alle, die mich kennen, noch einmal aufliefen, nur in sinnabgewandter Richtung. Wo Gott sich brüsk zur Erde beugte und sagte: Hier liegt ein kleiner Vogel, und der hat keinen Namen. Wer blind ist, fände darin schnell sein Ziel, denn dieses wechselte den Ort und käme ihm entgegen. Nach Hause könnte man sich nur verirren: man müsste jedes Mal auf einem anderen Weg hinfinden. Keiner erkennte mehr den anderen, alle müssten einander unentwegt überzeugen, dass sie es wirklich sind. Es gäbe Mondkarten für Umwege, Anleitungen für die Unwahrheit von Nutzhölzern, schwer erziehbare Filme; die Gebirge zur Linken, schwer von Abgeschiedenheit, die satten blauen Himmel rechts, schon sichtbar angezählt. (Irgendwer zählt immer das Blau des Himmels.) Bach-Toccaten beleuchteten unterseeische Friedhöfe, gestrandete Wale läsen eine Messe für Jablonski, und der Winter verabschiedete sich nicht nur in Treviso alljährlich als Champion. Die Schneebeben und Grabschmieden, die Tröstungssprachen aus dem Eisfach der Geschichte, könnte man sich aufrecht stehend entgehen lassen. Wieso laut der Welt sein Halt! zurufen, wenn uns ein Wort versammelt. Wir könnten einfach weitermachen so, nur wäre diese Welt irgendwann alle, befristet in Phonemen, die man wie Halme überall am Wegrand knickt. Keine weichen Aquarelle übrig dann, keine gedämpften Mondaufgänge, keine Haifischbecken für die Chroniken. Man dürfte weinen, sich selbst in seinem Todesjahr begegnen, im Plagiat der Hölle wandeln, nach dem Ende aller Litaneien. Da passte kein Satz irgendwo dazwischen. Dass niemand danach fragt, weckt mein Interesse.

Auferstanden aus Hormonen

Vom Haken gerissen,
ehe man sich an das Bild gewöhnt:
Sehnsucht nach Saccharin
und Fieberträumen, Bruchskizzen,
kreisenden Martinis,
Segeln unter fremden Gräbern.
Wer geht nach Arosa, wenn alle
Versuche mit Sand hinter ihm liegen?
Viel zu früh ist es halb acht,
der Winter scherzt mit einem Sonnenstrahl,
zieht südwärts hinter Kirchenmauern,
im Gepäck den Regen und die
verstörten Lotsen aus Bahrain.
Du streichst von Zetteln stumm
die Namen nie besuchter Städte,
spitzt mit deinen Blicken meine Stifte.
Zuviel Asche auf einmal.
Der Kies unter den Füßen
verlangsamt unsere Entwürfe,
Jahrzehnte aus Kulissen,
Botschaften aus Steinwürfen.
Wir fallen leicht wie jedermann
und ernten stumme Silhouetten.

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Schlürfen bunte Austern unter Erdanziehungswolken.

Auf Gleitzeit ins Delyrium

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Jahreszeiten hat sie abbestellt.

Im Alter der dritten Faltigkeit, Zeit wilder Hyperbeln, erschien ich mir als Wechselreim und pflanzte uns ein Seepferdchen ins Zwischendeck. Heimat lag nicht auf meiner Route. In deiner Nähe strampelte und schwamm ich wie in etwas, das ich nicht erreichte, Flut und Dünung lagen meistens quer zum Tränental. Du würfeltest mir einen Höhenblick zu, als die Gipfelbücher falsche Aushänge verschickten und die Boote der Luftkissen über uns hinwegdonnerten. Das Flügelschlagen darin kühlte deine Worte, ich verbiss mir die Angst fütternden Lippen und schickte dir einen Schatten zurück. All das praktisch nach uns. Jetzt fass’ ruhig einmal hin, denn Nähe kannst du. Oder kannst du? Du stehst ganz in dir. Gelöscht in Liebe, fließen Raserei und Branden ab von deiner Stirn wie Ebbe, ohne Möwenstrand. Du raunst mir Austern zu, ich mische zaghaft Apfelblüten ein. Die Mischung wirkt. Derart sind Reden Seegebiete, Zierfische, die man mit Augenkrallen fängt, Wolkennester Kleinasyl für Zugvögel-Leaks. Die Liebe aber, sagt man, sei die Hüterin der Narben. Bewohnt alle Reviere, kleidet elegisch Tote ein, beredet Monde, Schnee und Hitzeschild. Ich sicce unsere Liebe lieber, um am Ende nicht noch richtig daraus zu zitieren, verlaufe mich in Sandburgen zum heißen Ritterschlag, denn du entzündetest mit deinem Streichholzherz ein Ordnungsmeer.